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Wie viele Schwu­le sind HIV- po­si­tiv? PDF Drucken E-Mail
Im ver­gan­ge­nen Jahr 2008 sind ös­ter­reich­weit rund 500 Fälle von HIV-​Neu­in­fek­tio­nen be­kannt ge­wor­den. Damit wurde der schon hohe Wert aus 2007 wie­der er­reicht. Dra­ma­ti­scher sieht die Zahl in der Stei­er­mark aus: Waren es 2006 noch 37 Per­so­nen, deren In­fek­ti­on be­kannt wurde, so schnell­te die Zahl 2007 auf 76 und er­reich­te 2008 den Wert von 85! Das ist in den letz­ten drei Jah­ren ein An­stieg von 130 Pro­zent! Nach Aus­kunft der Stei­ri­schen AIDS-​Hil­fe geht diese Stei­ge­rung vor allem auf schwu­le Män­ner zu­rück. Be­mer­kens­wert ist auch, dass sich viele junge Män­ner mit HIV in­fi­ziert haben – und dass viele der neu­in­fi­zier­ten Schwu­len sich auch mit Sy­phi­lis an­ge­steckt haben.
Mir wurde die Gnade des „spä­ten Com­ing-​Out“ zu­teil. Ich wurde also erst zu einem Zeit­punkt se­xu­ell aktiv, als ge­ra­de ge­nü­gend In­for­ma­tio­nen über AIDS und den Mög­lich­kei­ten zum Schutz vor einer An­ste­ckung vor­han­den waren. Damit konn­te ich zwar eine In­fek­ti­on mei­ner ei­ge­nen Per­son ver­hin­dern, muss­te aber mit­er­le­ben, wie viele Freun­de und Be­kann­te an die­ser Krank­heit zu­grun­de gin­gen. Zwei sim­ple Re­geln schütz­ten mich vor einem früh­zei­ti­gen Tod und sor­gen noch immer dafür, dass ich ein von HIV un­be­ein­träch­tig­tes Leben füh­ren kann: Kein Ab­sprit­zen in den Mund und beim Bum­sen Gummi mit Gleit­mit­tel ver­wen­den.


Vor die­sem Hin­ter­grund ist mir die „neue Sorg­lo­sig­keit“ der Schwu­len un­ver­ständ­lich. Eine HIV-​In­fek­ti­on ist nach wie vor nicht heil­bar, auch wenn mit den mo­der­nen Me­di­ka­men­ten die Über­le­bens­dau­er mas­siv ge­stei­gert wer­den konn­te. Dass man den HI-​Vi­rus nun auch Jahr­zehn­te über­le­ben kann, be­deu­tet ja trotz­dem, dass man in vie­lem ein­ge­schränkt ist: Die stän­di­ge The­ra­pie be­las­tet den Kör­per, die ge­sell­schaft­li­che Stig­ma­ti­sie­rung von HIV-​Po­si­ti­ven hin­ter­lässt nicht nur see­li­sche Schmer­zen.


Jeder von uns hat nur ein Leben, näm­lich das ei­ge­ne. Es fällt mir schwer zu glau­ben, dass es immer mehr schwu­len Män­nern egal ist, wie ihr wei­te­res Leben ver­läuft. Es fällt mir schwer zu glau­ben, dass je­man­dem den kurz­zei­ti­gen „Vor­teil“ des Bum­sens ohne Gummi höher be­wer­tet als die Ge­fahr eines Wei­ter­le­bens als chro­nisch Kran­ker.

 

Hohes Ri­si­ko

Viel­leicht wird aber auch die Größe der Ge­fahr ein­fach un­ter­schätzt. Viel­leicht wird die Mög­lich­keit einer HIV-​In­fek­ti­on gleich­ge­setzt mit der Ge­fahr, vom sprich­wört­lich her­un­ter­fal­len­den Dach­zie­gel er­schla­gen zu wer­den. Letz­te­res ent­spricht in etwa einem „ne­ga­ti­ven“ Lot­to-​Fünf­fach-​Jack­pot. Die Ge­fahr einer HIV-​In­fek­ti­on ist für schwu­le Män­ner aber um vie­les grö­ßer. Doch wie groß ist sie wirk­lich? Etwas Sta­tis­tik und Wahr­schein­lich­keits­rech­nung lie­fert nüch­ter­ne Ant­wor­ten.


Wir wol­len uns fra­gen, unter wie­vie­len schwu­len Män­nern im Durch­schnitt einer HIV-​po­si­tiv ist. Dabei wol­len wir uns auf die Al­ter­grup­pe von 17 bis 65 Jah­ren be­schrän­ken. In Ös­ter­reich leb­ten im Jahr 2007 2,75 Mil­lio­nen Män­ner in die­sem Alter, davon sind an­ge­nom­me­ne 5 % ho­mo­se­xu­ell, das er­gibt rund 137.700 schwu­le Män­ner. Das ist also un­se­re „Grund­ge­samt­heit“, auf die wir uns in wei­te­rer Folge be­zie­hen.

Nach Schät­zun­gen leben in Ös­ter­reich etwa 15.000 HIV-​po­si­ti­ve Per­so­nen. Aus einer Stu­die, in der alle be­rück­sich­tigt sind, die in einem der fünf HIV-​Be­hand­lungs­zen­tren in Ös­ter­reich zwi­schen 2001 und 2007 die Dia­gno­se „HIV-​Po­si­tiv“ be­ka­men, er­fah­ren wir: 26 % gaben als An­ste­ckungs­weg ho­mo­se­xu­el­len Ver­kehr an, 14 % mach­ten keine An­ga­ben. Da wir davon aus­ge­hen kön­nen, dass nicht alle wahr­heits­ge­mäß ant­wor­ten, und dass bei den­je­ni­gen, die keine An­ga­ben ge­macht haben, auch viele schwu­le Män­ner dabei sein dürf­ten, neh­men wir an, dass 40 % der In­fi­zier­ten schwul sind. Das er­gibt ös­ter­reich­weit rund 6.000 HIV-​po­si­ti­ve Schwu­le.


Von 137.700 schwu­len Män­nern in Ös­ter­reich sind also 6.000 HIV-​po­si­tiv. Damit trägt durch­schnitt­lich einer von 23 schwu­len Män­nern den HI-​Vi­rus in sei­nem Kör­per, das sind etwas mehr als 4 % aller Schwu­len! Damit ist der An­teil der HIV-​Po­si­ti­ven unter den Schwu­len in etwa gleich groß wie der An­teil der Schwu­len an der ge­sam­ten männ­li­chen Be­völ­ke­rung!


Die glei­che Zahl an­ders for­mu­liert:

Wenn man mit 16 schwu­len Män­nern Sex hat, so be­trägt die Wahr­schein­lich­keit, dass zu­min­dest einer davon HIV-​po­si­tiv ist, be­reits über 50 Pro­zent! Selbst wenn man nur mit zwei schwu­len Män­nern Sex hat, ist die Wahr­schein­lich­keit, dass einer davon HIV-​po­si­tiv ist, schon grö­ßer, als im Lotto einen Drei­er zu ge­win­nen!


Eines steht für mich je­den­falls fest: Safer Sex ist we­sent­lich lust­vol­ler, als die Be­rech­nung die­ser alar­mie­ren­den Werte!

Text: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst JavaScript aktivieren, damit du sie sehen kannst ; In: Pride Nr. 108, Februar 2009

 
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